Geschichte des ÖGD
Graf Maximilian Montgelas
- Polizeisektion mit Medizinalbüro
- Sektion für öffentliche Unterrichts- und Erziehungsanstalten,
- Generaldirektion des Wasser-, Brücken- und Straßenbaus,
- Sektion für kirchliche Gegenstände, zugleich Generalkonsistorium für die protestantischen Konfessionen
- Ministerialstiftungs- und Kommunalsektion.
Das Medizinalwesen hatte zunächst die öffentlichen Gesundheits- und staatlichen Überwachungsaufgaben wahrzunehmen.
Biographisches zu Graf von Montgelas:Landespysikatsberichte
Zu den Aufgaben der Landesphysici gehörte ein weites Spektrum an Themen, die auch heute noch aktuell sind, wie die Bereiche Hygiene, Trink- und auch Abwasser, Umweltmedizin und die Beurteilung und Förderung gesundheitsrelevanter Lebensbedingungen.
Schon damals waren, wie auch heute noch vielfältige und sich immer wieder ändernde Aufgaben zu bewältigen. Wie vielfältig diese Aufgaben waren, zeigt sich in den Landesphysikatsberichten, die oft sehr detailliert und kompetent die Geographie und Geologie, die Arbeits-, Umwelt- und Lebensbedingungen sowie den Gesundheitszustand der Bevölkerung beschreiben.
Die Physikatsberichte wurden zwischen 1858 und 1861 von den damaligen Landgerichtsärzten für alle ehemaligen bayerischen Landgerichtsbezirke erstellt. Der liberal eingestellte König Maximilian II. von Bayern wollte genaue Angaben über die Lebensverhältnisse, Beschwerden und Wünsche seiner Bevölkerung haben, um entsprechend reagieren zu können. So entstand Anweisung an die Bezirksärzte, sogenannte Physikatsberichte (Physikat — Gesundheitsamt) zu erstellen. Die Physikatsberichte befinden sich heute in der Bayerische Staatsbibliothek, an die sie 1913 vom Statistischen Landesamt abgegeben wurden.
Sie bieten eine Vielzahl von Informationen. So finden sich neben Informationen zu Gesundheitsthemen im engeren Sinn ethnologische und historische Beschreibungen und Angaben zur Topographie, Beschreibungen der Landschaft, geographische, geologische, landwirtschaftliche oder industrielle Informationen, Wetterbeschreibungen, Flora und Fauna, Klima sind zu finden. Auch statistische und ethnographische Angaben wie die Zahl der Männer, Frauen und Kinder, durchschnittliche Familienstandsangaben, Sterberate, Todesursachen etc. und manchmal auch Angaben zur Zahl der Menschen die auswanderten sind in vielen der Berichte enthalten.
Auch die Lebensumstände: Armut oder Reichtum, Anzahl Einwohner, Familiengrößen, detaillierte Schilderungen der Häuser, wie die Lebens- oder Schlafräume aussahen, die hygienischen Bedingungen, die Kleidung der Menschen, die Mentalität der Bewohner im Landgerichtsbezirk, die Ernährung, die Arbeitsbedingungen, Wohlhaben, Ablauf von Hochzeiten, Durchschnittsalter bei Heiraten, Kindererziehung, religiösen Bräuche und Aberglauben, festliche Veranstaltungen u.a. findet sich in den Physikatsberichten.
- Amtliche Statistik in Bayern
- “Arztes Hülfe wird selten gesucht”
Artikel im Deutschen Ärzteblatt 97, Heft 14, 7. April 2000
Medizinische Topographien
Der Öffentliche Gesundheitsdienst in Bayern zwischen 1900 und 1950
In der Weiterentwicklung des Deutschen Reiches zu einem Sozialstaat kam besonders der Zeit des 1. Weltkrieges mit dem Aufbau der Kriegsfürsorge eine Art Laboratoriumsfunktion zu.
Die von den Nazis verordnete „Erb- und Rassenpflege“ stellte eine völlig neue Aufgabe dar. Sukzessive wurde das Gesundheitsamt bis zum Kriegsbeginn zu einem Selektionsapparat im Sinne der „Auslese“ aller „Minderwertigen“ und „Artfremden“ umfunktioniert und arbeitete kräftig mit an der Realisierung eines Apartheidstaates nach Innen.
Erst nach der Implementierung einer provisorischen Bayerischen Staatsregierung und einer daraus resultierenden Konsolidierungsphase staatlicher Politik begann ab März 1946 die durch das Befreiungsgesetz kodifizierte Entnazifizierung. Sie führte zu einer vorübergehenden personellen Schwächung der Gesundheitsämter, da der NS-Organisationsgrad der Amtsärzte und ihrer Mitarbeiter sehr hoch war. Der Ausbruch größerer Epidemien konnte dennoch verhindert werden.
Spätestens 1949 wurden viele der bisher vom öffentlichen Dienst ausgeschlossenen „Mitläufer“ oder „Minderbelasteten“ ohnehin wieder in den Staatsdienst übernommen.
Das Organisationsgesetz GVG zementierte diesen Status in der jungen Bundesrepublik zumindest strukturell bis weit in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts.
Eine Aufarbeitung der Rolle des ÖGD in der NS-Zeit fand bis in die 90er Jahre hinein nur vereinzelt statt. Dafür feierte man in den 50er und 60er Jahren vor allem, die 12 Jahre zwischen 1933 und 1945 ausblendend, die eigenen großen Leistungen der Vor- und Nachkriegszeit und lamentierte unisono über das schleichende Abgleiten in die drohende Bedeutungslosigkeit nach Gründung der Bundesrepublik.
„Das Gesundheitsamt im Nationalsozialismus“
Denkschrift von Dr. Johannes Donhauser, MOR, Gesundheitsamt im Landratsamt Neuburg-Schrobenhausen